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Lärm


Das 20. Jahrhundert ist, neben vielem anderen, das Jahrhundert des Lärms — innerlicher genau wie äußerlicher Lärm. Kein Wunder, denn wir bringen heute unsere geballte Technik gegen die Stille in Anschlag.

Der beliebteste und einflussreichste aller modernen Apparate, das Radio, ist nichts anderes als eine Rohrleitung, durch die massenproduzierter Lärm in unsere Wohnungen gepumpt wird. Und dieser Lärm trifft nicht nur unser Trommelfell, sondern dringt tiefer vor. Er durchtränkt unseren Geist mit lärmender Leere – Nachrichten, unzusammenhängende und irrelevante Informationshäppchen, barbarisches Gekreisch oder sentimentales Gedudel, unentwegt wiederholte Dramen, die keine Katharsis bringen, sondern nur das Verlangen nach regelmäßigem Einlauf nähren. Und da die Programme durch Werbung finanziert werden, dringt der Lärm vom Gehör in die Regionen des Träumens, Fühlens und Wünschens vor und schürt Lust und Begierden des Egos. Ob gesprochen oder gedruckt, hat die Werbung nur einen einzigen Zweck: Sie soll verhindern, dass das Verlangen je befriedigt wird. Stille und Wunschlosigkeit sind Voraussetzung für Befreiung und Erleuchtung. Ziel des grassierenden Systems der Massenproduktion ist dagegen das allgegenwärtige Verlangen. Werbung ist die konzertierte Bemühung, dieses Verlangen anzuheizen, und damit jene Kraft, von der (wie alle Weisen und Lehrer der Weltreligionen seit jeher wissen) alles Leid und Übel ausgehen, und die das größte Hindernis ist zwischen der menschlichen Seele und ihrem göttlichen Grund.

Aldous Huxley, The Perennial Philosophy (1945)