Und plötzlich ist der Mai da. Die Zikaden singen täglich lauter und die Hitze wird immer unerträglicher. Morgens schießt die Sonne an den Zenit, von wo aus sie den ganzen Tag lang erbarmungslos herunterbrennt. Gegen Ende des Monats kommt zu der Hitze auch noch die Schwüle hinzu, ab Mittag legt sich ein Dunstschleier wie eine Heizdecke auf das Dorf.
Mit jedem Tag bewege ich mich weniger und träger. Nach dem Frühstück fülle ich mir eine Karaffe mit Wasser und schleppe mich auf die Empore, um ein paar Zeilen zu übersetzen. Vor dem Computer lasse ich mich auf den Stuhl plumpsen und bewege mich nur noch, um nach meinem Glas zu greifen oder nachzuschenken. Ab Mittag ist die Hitze unter dem Dach derart erstickend und mir laufen solche Mengen von Schweiß in die Augen, dass ich nicht mehr klar sehen kann, von denken ganz zu schweigen. Also stelle ich mich unter die Dusche, schleppe mich hinunter auf die Terrasse, wo wenigstens hin und wieder ein Lüftchen weht, und lasse mich auf das Sofa fallen. Nena geht es nicht anders, sie liegt den ganzen Tag wie angeklebt auf der Terrasse. Ich bewundere Lulú für die Disziplin, mit der sie sich morgens auf den Weg zu ihren Weberinnen macht, und bedauere sie für den Zustand, in dem sie nach dem Rückweg durch die sengende Mittagssonne wieder nach Hause kommt; den Nachmittag verbringt sie dann genau wie ich auf dem Sofa oder in der Hängematte und rührt sich nicht mehr vom Fleck…
Gegen Abend fährt der Wind das Tal herauf, und nach Sonnenuntergang wird es auf der Terrasse erträglicher. Um dort sitzen zu können, müssen wir allerdings eine Wand aus Zitronella-Kerzen um uns herum aufbauen und uns jedes freie Fleckchen Haut mit ätzenden Substanzen einsprühen, um nicht von den Mücken aufgefressen zu werden, die Abend für Abend in immer dichteren Wolken aus den dürren Büschen aufsteigen.
An Schlafen ist nicht zu denken, denn im Haus wird es abends noch lange nicht kühler. Im Gegenteil, die dicken Wände strahlen nun die Hitze ab, die sie tagsüber gespeichert haben, und in unserem Schlafzimmer unter der Kuppel ist es fast so heiß wie in Tonas Temazcal. Wir reißen alle Fenster auf, doch statt der kühlen Brise kommen nur die Mücken herein.
Also tackere ich Fliegengitter an die wackeligen Fensterrahmen und schaffe am nächsten Markttag einen Industrieventilator an. Damit bleiben zwar die Moskitos draußen, doch die kühle Luft kommt trotzdem nicht herein: Der Ventilator rattert wie eine Cessna und wir entscheiden uns, lieber von der Hitze als vom Lärm wachgehalten zu werden. Lulú irrlichtert durchs Haus, während ich mich in den klebrigen Laken wälze.
Täglich werden wir unausstehlicher. Wegen jeder Kleinigkeit fauchen wir uns an. Abends suchen wir im Patio Florido Zuflucht vor Hitze und Mücken, doch da ist es auch nicht kühler. Obendrein sind Meli und Arcadio schlecht gelaunt und blaffen sich an, wenn sie denn überhaupt miteinander reden. Die Kartenspieler, die wir mittwochs bei Jessi treffen, starren hohläugig in ihr Blatt, und eines Abends, nachdem Jessi drei Runden in Folge verloren hat, steht sie auf, stampft wortlos davon und lässt ihre Gäste sitzen. Doña Alma, sonst eine gesprächige Seele, drückt mir am Hoftor die Jogurtbecher mit dem Essen in die Hand, grummelt ein paar Worte, und schleppt sich wieder zurück in ihre Küche unterm heißen Blechdach. Das ganze Dorf scheint wie vom schwelenden Wahnsinn gepackt. Die Verkäufer auf dem Markt sind gereizt, die Kunden giften sich gegenseitig an. Statt ihre morgendlichen Arien zu singen, zankt sich die Nachbarin mit ihrem Mann. Die Taxifahrer von gegenüber drehen die Musik auf und diskutieren lautstark über Gemeindepolitik. Nachts gellen schaurige Schreie aus den Häusern und Gärten, und am nächsten Tag machen Gerüchte von Messerstechereien die Runde.
Die Luft ist voller Staub, auf dem ganzen Dorf, auf jedem Dach, jedem Blatt, jedem Auto, jedem Esel, jedem Straßenköter, jedem Kampfhahn liegt eine feine braune Staubschicht. Das Wasser wird rationiert, nur noch einmal pro Woche rinnen ein paar Tropfen in unsere Zisterne. Alles lechzt nach Regen, die zerbrochenen Schollen auf den Feldern genau wie die unter der Hitze geschwollenen Seelen der Malinalca.
Aber der Regen lässt sich Zeit dieses Jahr. Abend für Abend schieben sich über den Bergen am unteren Ende des Tals dunkle Wolken zusammen. Nachts sehen wir vom Schlafzimmerfenster aus hoffnungsvoll das Wetterleuchten über den Bergen im Süden und hören ein leises Grummeln. Doch dabei bleibt es. Eines Abends fallen zwei Tropfen vom Himmel und wir hoffen schon, dass endlich, endlich die Regenzeit begonnen hat. Doch der Schauer endet schon nach Sekunden, kaum dass der Boden feucht ist. Dunstschwaden steigen auf, die Schwüle ist unerträglicher denn je, und in den nächsten Tagen fallen die Mücken mit doppelter Wut über uns her.
Aus meinem Buch In Mexiko: Reise in ein magisches Land



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