
Als der Regen ausblieb, nahm die Katastrophe ihren Lauf. Historiker sprechen von einem „Hungerjahr“. Es begann mit einem ungewöhnlich heißen April [1785]. Ende Mai war noch immer kein Wölkchen am Himmel zu sehen. In ihrer Verzweiflung hielten die Menschen Marienprozessionen ab, um die Muttergottes um Regen zu bitten.
Doch der Juni kam und ging, und nach ihm der Juli und der August, und noch immer war nicht mehr als Nieselregen vom Himmel gefallen. Die Ernte im Zentrum und Westen des Landes fiel vollständig aus. Als die Nachricht die Runde machte, sperrten die Händler ihre Speicher zu und horteten das wenige verbleibende Getreide […]
Schon bald lagen überall auf den Weiden die Kadaver von Tieren. Allein im heutigen Bundesstaat Guanajuato verendeten bis Ende des Jahres 19.000 Rinder. Unter den Armen wüteten die Krankheiten […] In Michoacán starben fast 100.000 Menschen. Bis 1786 waren eine halbe Million Menschen ein Opfer von Hunger und Seuchen geworden.
Mit dem spärlichen Weizen ließ die Kolonialverwaltung ein ärmliches Brot aus schlechtem Mehl und Spelzen backen, das vor den Speichern an die Bevölkerung verteilt wurde. Unter den Menschen, die um die Krumen anstanden, kam es allerorts zu Tumulten. Die Kirche bat die Gläubigen, ihre Spenden in Naturalien zu entrichten, und die Reichen trugen Suppe, Atole und Tortillas in die Gotteshäuser […] Auf dem Land aßen die Menschen Baumrinde und gruben Wurzeln aus […]
Die Bewohner der Hauptstadt machten Jagd auf streunende Hunde und Katzen, um sie zu essen. Der Vizekönig ordnete an, die überlebenden Tiere zu töten, um die Ausbreitung von Seuchen zu verhindern. Es gibt keine schlimmere Hölle als eine hungernde Stadt. Hunderte Eltern versuchten, ihre Kinder für zwei oder drei Silbermünzen zu verkaufen. Zahllose Kinder wurden auf der Straße ihrem Schicksal überlassen. Die Kolonialverwaltung war machtlos. Auf den Plätzen starben die Menschen vor Entkräftung.
Im Jahr 1787 zogen über den Gipfeln rund um die Stadt Wolken auf. Der Regen setzte dem Schrecken ein Ende.
Aus: Héctor de Mauleón, La ciudad que nos inventa. Crónica de seis siglos. México: Cal y Arena, 2015; S. 126-128.

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