blütenblätter

eine galerie

Trockenzeit


Es gibt nichts Lähmenderes als ein mexikanisches Dorf in der Trockenzeit.

Es badet in dem heißen Pulver seiner Wege, eine Wüste ohne Oase. Die Häuser sind unsichtbar hinter langen Kaktusfingern verborgen. Man geht durch ihr enges stachliges Spalier in der Angst eines Erdbebens, denn plötzlich glaubt man diese ausgetrocknete Erde zu allem fähig. Ich ging durch eins dieser Dörfer auf der Suche nach neuentdeckten Fresken des Regengotts. In die Höfe waren andere Kakteen geregnet, nichts als Kakteen; kaum, daß die Platz ließen, um ihre roten Früchte aus den Rändern vorzustoßen.

An einer Biegung des Wegs war ein einziger Fleck von schwarzem Schlamm übrig gelassen; der Rest des Flusses der Regenzeit.Eine Kuh stand darin und badetet die Hufe, die die dürren Rippen trugen; das Tier stand unbeweglich; es war zu milde zu klagen. Nah der Plaza stieß ein dünnes Rohr in die Erde. Es war tief hinuntergetrieben, um die glückliche Unterwelt zu finden, in der es kühle Seen gab, schweigsame Adern sauberen Wassers. Eine lange Schlange von Kindern wartete an den Kakteenwänden entlang, die letzten in der Hoffnung, daß noch genug Wasser da sei, wenn sie endlich an die Reihe kämen.

Das Geräusch der Trockenheit war in der Luft. Es war in dem gesprungenen Lehm des Flussbetts und in den schlaffen Zweigen der vogellosen Pfefferbäume, im porösen Lavastein der Hausschwellen und in dem Staub der Straßen. Ein heimtückisches Knistern. Etwas wie ein Schrei aller Dinge. Das Dorf lag da wie in einem brennenden, sengenden Winter. Nahbei erhoben sich die alten, nun götterlosen Pyramiden.

Ich verstand plötzlich den Wunsch der Azteken, mit Blut die Quellen des Himmels zu öffnen.

Gustav Regler, Vulkanisches Land (1947)